Jordanien: „Unsere Kinder mussten viel zu schnell erwachsen werden“

10 Januar 2018

Jordanien: „Unsere Kinder mussten viel zu schnell erwachsen werden“

Fadyeh, Taghreed, Saadya und Sadye (v. l.) in ihrer Wohnung in Amman.

Saadya, 75, lebt mit ihrer neunköpfigen Familie in einer kleinen Wohnung in Amman. Zur Begrüssung umarmt sie mich, obwohl wir uns nie zuvor begegnet sind. Dann stellt sie mir ihre 19-jährige Enkelin Sanaa vor. Sie ist die Mutter der 18 Monate alten Zwillinge, die quer durchs Zimmer sausen. Auch Saadyas Enkelsohn Fadyeh, 17, lerne ich kennen; die anderen beiden Enkelinnen Sadye, 13 und Taghreed, 11, warten ausser Hörweite nebenan.

„Saadya möchte nicht, dass die Jüngsten ihre Erzählung mitbekommen“, erklärt unsere Kontaktperson Deema. Zu furchtbar sei das, was der Familie in ihrer syrischen Heimatstadt Homs widerfahren ist.

Als Saadya zu erzählen beginnt, wird mir schnell klar, weshalb die Mädchen im Nebenzimmer warten.

„Wir besassen ein eigenes Stück Land und einen Bauernhof“, so Saadya. „Es war wunderschön und wir waren eine grosse Familie.“

Die gewaltvollen Auswirkungen der Syrienkrise beendeten diese Idylle jedoch auf einen Schlag. Als die ersten Schüsse fielen, flohen Saadya und Fadyeh zu Fuss und brachten sich in Sicherheit.

Saadyas Sohn und seine Frau, die sich im Haus aufhielten, eilten mit ihren drei jüngsten Kindern zum Auto. Als sie losfahren wollten, stellte sich ihnen eine bewaffnete Gruppe in den Weg. Die Mutter befahl ihren kleinen Töchtern, sich hinter den Vordersitzen zu verstecken. Eine weise Entscheidung, die Sadye und Taghreed das Leben rettete. Doch die Eltern und der sechsjährige Bruder der Mädchen starben.

Nachbarn fanden die beiden und brachten sie zu Saadya und Fadyeh, die sich auf einem nahegelegenen Bauernhof versteckt hielten. Saadya war klar, dass die Familie nicht länger in Syrien bleiben konnte. Bald darauf flohen sie über die Grenze nach Jordanien.

In Jordanien angekommen, lebte die Familie anfänglich in einem kleinen Zelt im Flüchtlingslager Zaatari. Später zogen sie in eine Wohnung, die ein anderer von Saadyas Söhnen gemietet hatte. Eine Weile ging das gut. „Wir waren froh. Schliesslich hatten wir einen sicheren Ort zum Wohnen und waren alle zusammen“, so Saadya.

Leider währte das Glück nicht lange. Damit die Familie etwas Geld hatte, um zu überleben, arbeitete Saadyas Sohn illegal, ohne Arbeitserlaubnis. Bald nahm man ihn fest und schickte ihn zurück nach Syrien.

Während Saadya erzählt, strömen ihr die Tränen übers Gesicht. „Hätte ich gewusst, dass sie ihn nach Syrien zurückschicken – ich wäre mit ihm gegangen“, sagt sie, in ihrer Stimme liegt tiefe Trauer. „Wo er jetzt wohl ist? Ich weiss es nicht.“

Saadya und ihre Enkel blieben zurück – mit dem Wenigen, das sie gespart hatten. Wie viele syrische Flüchtlingskinder fühlte sich auch Fadyeh unter Druck, arbeiten gehen zu müssen, um seine Geschwister durchzubringen. Gleichzeitig war er sich der Gefahr und damit dem Dilemma bewusst, nach Syrien zurückgeschickt zu werden – samt seiner Familie. „Die Krise hat unsere Kinder gezwungen, innert Kürze erwachsen zu werden“, sagt Saadya. „In Syrien mussten Kinder nicht arbeiten.“

Fadyeh, Taghreed und Sadye (v. l.)

Als wir die Geschichte von Saadya und ihren Enkelkindern erfuhren, begannen wir, ihnen monatlich 125 Jordanische Dinare (175 USD) zur Verfügung zu stellen. Damit können sie wichtige Kosten wie Miete und Arztbesuche begleichen und Fadyeh muss nicht illegal arbeiten, um seine Familie zu unterstützen. Seit sie Syrien verlassen hatten, fühlten sie sich ständig im Kampf ums Überleben. Auch wenn die Geldleistungen von Medair nicht alle Probleme lösen, verschafft diese Hilfe der Familie doch eine kleine Atempause.

„Vorher hatten wir nicht die Möglichkeit, zum Arzt gehen“, erklärt Saadya. „Wir danken Medair, dass ihr uns geholfen habt. Bitte, vergesst uns nie!“

Zahlreiche syrische Familien wurden durch die aktuelle Krise auseinandergerissen. Millionen Menschen sind durch Landesgrenzen voneinander getrennt oder haben sich komplett aus den Augen verloren. Sie kämpfen ums Überleben und darum, weit weg von zuhause ein neues Leben aufzubauen. Doch viele Betroffene sind durch das Erlebte traumatisiert und leiden unter dem Flüchtlingsdasein.

Medair unterstützt syrische Flüchtlinge sowie bedürftige jordanische Familien mit Geldleistungen. Das hilft ihnen, ihre dringendsten Bedürfnisse zu decken. Wir sorgen dafür, dass sie bei Bedarf psychosoziale Betreuung erhalten und geben ihnen Gutscheine für medizinische Leistungen. Monatliche Spenden machen diese lebensrettende Arbeit möglich. Danke, dass Sie uns unterstützen!

Die Arbeit von Medair in Jordanien wird ermöglicht durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die Europäische Union, die Glückskette sowie grosszügige private Spenderinnen und Spender.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich jenen von Medair und damit nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.


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